Coronakrise 2020

TeamGym Europameisterschaften, eine Achterbahnfahrt der Gefühle

Torsten Neuwirth, Pressewart, SVB Bruckmühl

28. April 2020

Das gesellschaftliche, wie auch das wirtschaftliche Leben und die internationale Sportszene werden derzeit komplett auf den Kopf gestellt. Am Sporthimmel stehen, bildlich gesprochen, nur noch schwarze Wolken: Die 32. Olympischen Sommerspiele von Tokio sind verschoben, die Fußball-EM auf den Sommer 2021 neu terminiert, die Eishockey-WM in der Schweiz ersatzlos gestrichen, die Fußball- und Handball Bundesligen bis auf weiteres ausgesetzt.

Doch wer meint, dass sich nur der weltweite Sport in einem Ausnahmezustand befindet, der irrt. Die Coronavirus-Welle schlägt auch über dem regionalen Spitzensport zusammen. Ein Beispiel hierfür: Zum ersten Mal in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte des SV Bruckmühl (SVB) haben die TeamGym-Mädels der Sparte Turnen mit der Deutschlandauswahl Tür zu den Europameisterschaften in Kopenhagen (Dänemark) Anfang Oktober aufgestoßen. So weit, so gut. Doch in der derzeitigen Situation ist nichts mehr so, wie es vor Wochen noch war.

„Wir befinden uns auf einer Achterbahnfahrt der Emotionen, in einer Endlos-Looping-Schleife“, beschreibt Andrea Eder, SVB-TeamGym Trainerin die aktuelle Gefühlslage. „Wir hängen total in der Luft, die Sporthallen sind zu, das Einzeltraining findet notgedrungen zu Hause statt, geplante Kaderlehrgänge haben wir bereits gestrichen, künftige Maßnahmen stehen auf der Kippe, ob und wie die EM stattfindet kann uns keiner sagen, die so dringende Sponsoren-Akquise ist dadurch auf Eis gelegt“, bringt es dazu Lebens- und Trainer-Partner Rudi Schuster auf den Punkt.

Rückblick: Der TeamGym-Sport hat seinen Ursprung in den skandinavischen Ländern, besteht aus den drei Disziplinen Bodengymnastik, Mini-Trampolin und Tumbling (Sprünge und Überschläge auf einer Akrobatikbahn). „Der Stellenwert ist dort wie bei uns der Fußball“, erklärt Schuster. Seit 2013 wird diese komplexe und anspruchsvolle Sportart beim SVB betrieben.

Die beiden Bruckmühler gehören zum Trainerteam der ersten Stunde. Seit den Anfangszeiten hat sich bei den SVB-Turnern neben dem TeamGym Breitensport kontinuierlich und zielgerichtet auch ein leistungsortorientiertes Team entwickelt und etabliert. Derzeit trainieren zwölf hoch motivierte Sportlerinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren mehrmals wöchentlich unter dem Trainerduo. Die dadurch erzielten Erfolge sprechen für sich. Die SVB TeamGym-Mädels sind unter anderem gefeierter sechsfacher Bayerischer Meister und sechsfacher Bayern-Open-Sieger. Beim Deutschen Turnfest 2017 unter Beteiligung von starken Teams aus Österreich, Tschechien und Frankreich belegten die Bruckmühlerinnen als bestes deutschen Team den viel umjubelten Silber-Rang. Durch diese Erfolgsstatistik und mehreren top Leistungen bei den jüngsten nationalen Wettkämpfen schoben sich die SVBlerinnen wiederholt in den Fokus des Deutschen Turnerbundes. Die Folge, zu den zwölf nominierten Sportlerinnen des deutschen Teams für die diesjährigen TeamGym Europameisterschaften in Dänemark (12. bis 18. Oktober) gehören sage und schreibe acht Athletinnen aus Bruckmühl.

„Das ist einfach nur Wahnsinn, wir haben so hart gearbeitet und sind so heiß auf die Titelwettkämpfe und wollen in Kopenhagen vor gut 4000 Zuschauern ein turnerisches Feuerwerk abbrennen“, freute sich die 15-jährige Marina Eder vor kurzem noch bei der Nominierungsbekanntgabe des Dachverbandes. Doch jetzt ist alles anders. „Jeder von uns kämpft um seine Motivation und trainiert im Keller, in der Küche, im Wohnzimmer in der Garage. Dabei begleitet dich stets der Gedanke, dass doch bitte die ganze Schinderei nicht umsonst gewesen ist“, beschreibt Marina die Ist-Situation.

Prekär ist auch der sportliche Bereich. Alle Trainingsstätten, ob Sporthalle oder Sportplatz, sind bis auf Weiteres gesperrt. Acht Stunden wöchentliches sportartenspezifisches Training mit unabdingbaren Geräteeinheiten muss „irgendwie“ kompensiert werden. „Jede Sportlerin bekommt von uns einen individuellen Trainingsplan für zu Hause, doch können wir hier nur das Grundlagentraining in Ansätzen abdecken“, schüttelt Trainer Schuster nachdenklich den Kopf. Nach seinen Aussagen „hängt dazu der für Mai geplante so wichtige Qualifikations-Lehrgang in der Luft“. Eine Trainingsmaßnahme für Anfang April musste schon gecancelt werden.

Eine weitere große Baustelle sind die Finanzen. Für jede Teilnehmerin müssen zwischen 2500 bis 3000 Euro angesetzt werden. Damit werden unter anderem die Kosten für die offizielle Trainings- und Wettkampfbekleidung des Nationalteams, die Reise- und Hotelkosten, Startgelder sowie Aufwendungen für die medizinische Versorgung abgedeckt. Den Großteil davon muss die Sparte Turnen und die Sportlerinnen aber selber abdecken. „Mit Zuschüssen sieht es leider eher Mau aus“, erklärt Eder. Aus diesem Grund war für die nahe Zukunft eine umfassende Sponsoring-Akquise geplant. „Doch hat das alles noch Sinn, wenn wir mit keinen klaren Daten, Fakten argumentieren können, nicht einmal der Deutsche Turnerbund weiß, wie es weiter geht“, rauft sich Trainerin Eder die Haare. Dazu kommt jetzt noch erschwerend, dass sichere Einnahmequellen wie Auftritte bei der Kulinarischen Nacht, der Bruckmühler Radsportnacht oder aus dem Weinbarbetrieb mit den SVB-Skifahrern beim Bruckmühler Volksfest auf wackeligen Beinen stehen.

Auf die Frage, wie es um die Eigenmotivation des Trainerduos steht, folgt erst einmal längeres und nachdenkliches Schweigen. „Du qualifizierst dich zum ersten Mal für einen internationalen Wettbewerb, und plötzlich zieht es dir den so wichtigen Boden sprichwörtlich unter den Füßen weg. Dazu kommt noch, dass du nichts selber beeinflussen kannst und nur Spielball der Entwicklungen bist, das nervt tierisch“, beschreibt Schuster seine Gefühle. „Wichtig ist zuerst einmal, dass wir alle heil aus dieser ganzen Sache rauskommen“, bringt es Schuster auf den Punkt und ergänzt, „den Kopf in den derzeitig turbulenten Tagen und Wochen in den Sand stecken, geht gar nicht, wir bleiben zuversichtlich und gehen die Herausforderungen weiter engagiert an, so gut es eben geht“.

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